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Vom Nicht-Kitakind zum Schulkind

Hallo ihr Lieben!

Ich hab mal versucht unsere Erfahrungen von der Selbstbetreuung zum Übergang in die Schule in einen Blogbeitrag zu bringen.

Unsere Familie

Mein Mann (Mitte 30) wuchs als selbst betreutes Kind auf. Ihm hat es keineswegs geschadet. Er war und ist ein sehr sozialer Mensch. Er hatte weder in der Schule, noch im Studium Schwierigkeiten soziale Kontakte zu knüpfen. Er ist teamfähig, selbstbewusst und kontaktfreudig…

Ich war ein Kind, das mit zweieinhalb in den Kiga ging…
Bis heute bin ich ein recht verschlossener Typ, mag kaum bis keine Menschen
um mich und die wenigen Erinnerungen an meine Kigazeit sind alles andere als positiv.

Bis heute bin ich nicht in der Lage, Freundschaften aufzubauen. Ich bin
lieber alleine. Mittlerweile hab ich zwei Kinder – der Große wird 11, die Kleine 3. Beide wuchsen und wachsen Kindergartenfrei auf. Das stand für mich schon immer fest.

Der Große ist zudem Autist. Er ist also nahezu von Geburt an nicht „richtig“ sozialfähig. Eigentlich ja ein Grund ihn erst recht in die Kita zu schicken, damit er es lernt sich anzupassen – so gut es geht … So wurde mir geraten. Natürlich hör ich als Mama aber eher auf mein Bauchgefühl. Die Prognose, dass mein Sohn ein Versager wird, sich sozial niemals integrieren kann, ein
ewiger Außenseiter sein wird usw., war nun da …

Außenseiter als Autist ist nix ungewöhnliches, also kann ja ohne Kita nix
schlimmeres passieren.

Also betreute ich ihn bis zur Schule daheim.
Konflikten in Kindergruppen, auf Spielplätzen, in Vereinen, usw. ging er
immer aus dem Weg. Er spielte eben für sich alleine … Mit sechs gab es dann zwei Wochen Vorschule – was für ne Katastrophe! – die Stühle im Klassenzimmer waren farblich nicht sortiert – die Lehrerin von der ersten Minute an auf  „das Kind war nie im Kiga und weiß sich nicht zu benehmen“eingestellt. Diese Haltung änderte sich schlagartig, als die richtige Schule losging.

Er – mein so sozial unfähiges, autistisches, nie einen Kiga besucht habendes Kind – war der Einzige, der von Anfang an wirklich ALLES gemacht hat, was gesagt wurde. Er war rücksichtsvoll, höflich, teamfähig u.v.m. Er hatte keine Probleme mit dem Schulstart. Wo andere mehrere Tage oder gar Wochen brauchten um anzukommen, sich daran gewöhnen mussten still zu sitzen und
ruhig zu sein, war all das für ihn kein Problem. Er war der Einzige der niemals widersprochen hat, wenn es Anweisungen gab. Und er war der Einzige der sich von anderen niemals zu Dingen überreden lies, die er selbst nicht tun wollte.

Der Weg in die Autismusambulanz

Jegliche Konflikte löste er verbal und gänzlich ohne Gewalt.
Mit der zweiten Klasse kam die offizielle Autismusdiagnose durch unsere Autismusambulanz. (Er sollte gezwungen werden in den Hort zu gehen, damit er auch in größeren Gruppen arbeiten kann – deswegen wurde die „Hilfe“ von Pädagogen und Psychologen angefordert.)

Als ich im Fragebogen ausfüllte, dass er keinen Kiga besucht hat, kamen gleich solche Sprüche wie: „Gerade für Autisten ist eine zeitige Betreuung durch erfahrene Pädagogen unabdingbar.“ Und dass der „Hort ihn jetzt noch retten könnte“.

Nach sechswöchiger Untersuchung und den ganzen Tests kam die Auswertung. Und
auch hier hieß es wieder – es war das Beste, was ich ihm geben konnte – solange wie möglich familiäre Sicherheit ohne Fremdbetreuung. Sie hätten noch niemals einen so ausgeglichenen Autisten in ihrer Diagnostik gehabt. In einer Betreuungseinrichtung hätte er sich niemals so gut entwickelt. Hort war damit auch keine Option mehr – denn er brauchte ihn schlichtweg nicht…
Er konnte sich in kleineren Gruppen gut organisieren und mit anderen zusammenarbeiten. Großgruppen von 6 bis 8 Kindern ginge eben nicht, muss es aber auch nicht.

Die Schule und deren Versuch ihn in der Förderschule unterzubringen

Damit war die Schule – explizit die Mathelehrerin und der Schulleiter (mit
der Klassenlehrerin gab es nie Probleme) – allerdings nicht zufrieden und sie schickten ihn für drei Tage auf eine Förderschule um ihn im wahrsten Sinne des Wortes zu zerbrechen. Sie wollten beweisen das er 1. besser da hin gehört, 2. falls nicht, wollten sie sehr wahrscheinlich wenigstens die Fördergelder (ohne ihm seine Förderstunden zu ermöglichen, die er ohnehin
nie gebraucht hätte) einstreichen und 3. die Bestätigung, dass er doch in Großgruppen am Nachmittag besser dran wäre als „daheim“.

Wer sich etwas mit Autismus auskennt weiß, dass ein Wechsel in eine andere
Schule absoluter Mist ist und dass bei Autisten für die Beantragung der Fördergelder IMMER eine Hospitation in der eigenen Schule stattfindet. Das lehnte unsere Schule und die Förderschule aber komplett ab. Also musste er in die andere Schule. Alle rieben sich innerlich wahrscheinlich schon die Hände und sie legten sich ein „haben-wir-doch-gesagt“ zurecht. Ich war sauer, nervös und hatte Angst um mein Kind. Alles umsonst. Auch dort zeigte er sich wieder von seiner besten Seite. Das wusste ich nur noch nicht.

Am Tag der Auswertung waren der Schulleiter unserer Schule und ich, in der
Förderschule.

Die Auswertung ergab, dass er nicht in der Förderschule angenommen wird und allen Ernstes zweifelten sie dort sogar die Autismusdiagnose an, da sie ja genügend Autisten in der Schule hätten, er aber im Vergleich dazu absolut normal wirkt und sooo sozial wäre. Das ginge bei Autisten ihrer Meinung nach nicht. (Schlimm eigentlich, das aus dem Mund von Pädagogen zu hören – denn jeder weiß, dass man Kinder nicht vergleichen kann und Autisten erst recht
nicht!!!)

Die Schule musste ihn also „behalten“ und im Laufe der darauf folgenden zwei Jahre lief es immer besser. Das Hortthema war vom Tisch, die Gruppenstärke bei Gruppenarbeiten beschränkte sich weiterhin auf maximal 4 bis 5 Schüler.

Neue Schule – neue Chance

Letzten Sommer hatten wir dann den Schulwechsel zur Oberschule. Und auch wenn er sehr traurig war, dass ihm durch seine „alte Schule“ wieder Steine in den Weg gelegt wurden und er nicht aufs Gymnasium gehen durfte – er würde es nicht schaffen, es wäre zu viel Stress und Druck für ihn, usw. waren die Begründungen -, ist er auch in der neuen Schule vom ersten Tag an angekommen.

Es gab im Vergleich zum Großteil der Schüler keinerlei Probleme mit ihm. Er ist nach wie vor einer der wenigen, der nicht dem Gruppenzwang erlegen ist, einer der wenigen, der sich an alle Regeln hält, macht was man sagt und den Unterricht niemals stört.

Sein Ziel ist es, nach der zehnten Klasse aufs Gymnasium zu gehen und dann
zu studieren, – „irgendwas mit Chemie“ *gg*< – aber was genau, weiß er selber noch nicht. Wir werden ihn in seinem Vorhaben natürlich unterstützen, aber niemals zu irgendetwas drängen. Den Wechsel nach der fünften Klasse aufs Gymnasium lehnte er selber ab – er möchte nicht schon wieder einen Schulwechsel. Er gilt zwar als „Streber“ und „Klugscheißer“ – aber am Ende rennen alle zu ihm, wenn sie Hilfe brauchen. Mittlerweile haben wir fast täglich ein bis drei Klassenkameraden von ihm hier oder er „zieht mit Freunden um die Häuser“. All das, was er angeblich NIEMALS hätte schaffen können.

ER und wir haben damit allen gezeigt, dass der für uns gewählte Weg keinesfalls falsch war!
Wir haben uns nicht verbogen. Wir standen unter keinem Druck es irgendwem beweisen zu wollen. Wir haben nichts anderes gemacht, als andere Eltern an ihren freien Wochenenden auch. Nur, dass wir dafür die ganze Woche Zeit hatten.

Wir gingen dann eben Mittwoch Vormittag in den Zoo, Freitag Vormittag in den Indoorspielplatz oder Montag Vormittag ins Schwimmbad. Wir haben viele Kiga-Gruppen getroffen – in der Stadt ja nicht schwer. Er hatte also immer Kinder um sich. Und wenn nicht, gingen wir z. B. ins Altersheim und haben Bekannte besucht. Dort hat er die Station unterhalten und gelernt, respektvoll mit Älteren umzugehen. Einfach durch Beobachtung – lernen durch Vorleben. Vereine, Turngruppen oder Ähnliches gab es am Nachmittag.

Nach unserer Erfahrung ist Selbstbetreuung keineswegs schädlich – auch nicht auf lange Sicht.


Unsere kleine

Die Kleine wird nun fast drei und bleibt auch weiterhin daheim. Sie hat genügend soziale Kontakte, kann aber selbst bestimmen ob und wann es ihr zu viel wird. Sie kann sich selbst aus der Situation heraus nehmen, wenn es ihr zu viel ist. Sie weiß was sie will, kennt aber ihre Grenzen – scheut sich
hingegen aber nicht, Neues auszuprobieren. Da die Selbstbetreuung jetzt immer mehr Anhänger findet, fällt es uns auch zunehmend leichter, Kontakte zu knüpfen und Gleichgesinnte zu treffen. Spielgruppen sind ein bis zwei Mal die Woche. Schwimmen geht sie auch sehr gern.
Ausprobieren darf sie alles – was sie nicht will, muss sie nicht machen. Tanzen, Sport und Reiten stehen bei ihr auf der Wunschliste.

Sie ist hilfsbereit, teilt freiwillig mit anderen ihr Essen oder ihre Spielsachen, setzt sich aber auch durch, wenn ihr was nicht passt. Sie fängt Streitereien nicht an, geht ihnen aber auch nicht aus dem Weg. Zur Not holt sie sich ihre Sachen zurück, wenn ihr etwas weggenommen wird.
Ungerechtigkeit erkennt sie und geht dann auch mal dazwischen.

Unser Fazit

Auch ich habe über die letzten elf Jahre, in denen ich daheim bin und mich
um meine Familie kümmere, sehr viel dazu gelernt und mich verändert. Vieles sehe ich heute einfach entspannter. Aber eins bleibt immer gleich: Ich bereue keine Sekunde in meinem Leben. Ich bin stolz auf meine Familie. Sie geben mir jeden Tag mit einem Lächeln die Gewissheit, alles richtig gemacht zu haben! DANKE dafür!

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One Response so far.

  1. Liebe Aline, eine Geschichte, die ans Herz geht. Vielen Dank, dass du sie mit uns teilst. Du hattest aufgrund der besonderen Situation, in der sich euer Sohn befindet, besonders schwer, dich für die Selbstbetreuung zu entscheiden und dazu zu stehen. Aber du bist dabei geblieben und heute siehst du: alles richtig gemacht. Diese Geschichten machen so viel Mut. Darum ist es so wertvoll, dass du sie hier aufschreibst. Du bist toll! <3 Danke für deine Ehrlichkeit. Deine jenn

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